Moin Aktienfreund 👋🏻,
normalerweise mag ich es nicht, wenn CEOs über Aktienkurse sprechen.
Wenn das Management das Unternehmen nach vorne bringt, es strategisch korrekt ausrichtet und die Fundamentaldaten in die richtige Richtung zeigen, wird der Aktienkurs früher oder später folgen.
Aber auch wenn ich es nicht mag, hat der Geschäftsführer in diesem Fall recht, wenn er sagt:
„Unsere Aktie sollte bis Ende 2026 zwischen 45 und 55 Dollar pro Aktie liegen.“
Ein kurzer Blick auf den aktuellen Aktienkurs zeigt, das käme einer dramatischen Neubewertung gleich. Eine Kursexplosion um 250% entspräche mehr als einer Verdreifachung des Börsenwertes.
Ist das wirklich möglich?
Das Unternehmen, das wir uns heute anschauen, stellt klassische Versicherungen auf den Kopf. Keine einfache Branche, um sich einen Namen zu machen, doch nach über fünf Jahren an der Börse haben sie mich endlich überzeugt.
Was unterscheidet sie von den alteingesessenen Versicherungen?
Technologie, die tatsächlich funktioniert: 98% aller Schadensfälle werden vollautomatisch per KI bearbeitet. Keine Warteschleifen, keine wochenlangen Bearbeitungszeiten.
Vertrauen in einer vertrauenslosen Branche: 68% der Mitglieder vertrauen darauf, Empfehlungen zu erhalten, wo und wie sie medizinische Versorgung bekommen sollten. In einer der unbeliebtesten Industrien Amerikas einen Net Promoter Score von 66 zu erreichen, grenzt an ein Wunder.
Eine App, die wie ein Arzt in der Familie agiert: Direkter Zugang zum Care-Team, Telemedizin-Behandlungen for Free und Arztsuche auf einer einzigen Plattform.
Jetzt wird es spannend: Wo liegt hier der Hebel für eine Neubewertung, was muss dafür passieren, und warum hat der Markt das bis heute nicht eingepreist? ⤵️
1. Die Gelegenheit
Das heutige Unternehmen der Begierde ist Oscar Health, eine der wenigen digitalen Versicherungen, die sich in diesem amerikanischen Haifischbecken etablieren konnten. Über die Schwierigkeit, sich gegen die großen Mitstreiter zu behaupten, werden wir später noch sprechen.
Gegründet wurde Oscar Health 2012 von Mario Schlosser, Kevin Nazemi und Joshua Kushner. Letzterer ist der Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, eine Verbindung, die immer wieder medial genutzt wird, nachweislich aber keinen Einfluss auf das Geschäft hat.
Schlosser und Kushner haben sich an der Harvard Business School kennengelernt und zuvor bereits zusammengearbeitet. Als Kushner anrief, um das Versicherungssystem in den USA auf den Kopf stellen zu wollen, war für Schlosser klar, dass er nicht ablehnen würde. Damals hatte es im Bundesstaat New York 25 Jahre lang keine neue Versicherung gegeben, was die Komplexität des US-Versicherungssektors verdeutlicht.
Beim anfänglichen Erfolg ihres Geschäftsmodells spielte das Timing eine wichtige Rolle. Kurz nach der Gründung kam ihnen der frisch eingeführte Affordable Care Act (ACA) sehr gelegen. Der Entwurf, auch Obama Care genannt (auch wenn die Ursprungsidee von einem Republikaner stammt), ermöglichte erstmals Millionen Amerikanern, sich überhaupt versichern zu lassen. Heute besteht das Geschäft von Oscar Health zu 100% aus ACA-Kunden.
Aber wie funktioniert Krankenversicherung überhaupt in den USA?
In den USA ist man traditionell über den Arbeitgeber versichert. Das betrifft rund die Hälfte der Bevölkerung. Insgesamt ist das System jedoch ein Flickenteppich: Menschen mit niedrigem Einkommen fallen häufig unter Medicaid, während Senioren ab 65 Jahren in Medicare wechseln. Für bestimmte Gruppen gibt es zudem Speziallösungen, etwa TRICARE für Militärangehörige und Veteranen.
Wer weder über den Job noch über staatliche Programme abgedeckt ist, etwa Selbstständige, Freelancer oder viele Arbeitslose, nutzt meist den über den Affordable Care Act geschaffenen Marktplatz. Dort können „private“ Versicherungspläne individuell ausgewählt und abgeschlossen werden. Der Vorteil ist, dass sich Menschen einen passenden Vertrag aussuchen können, statt auf Pakete angewiesen zu sein, die der Arbeitgeber vorgibt. Das ist ein wachsender Markt, aus dem sich große Versicherungen teils wieder zurückziehen, während Oscar hier perfekt positioniert ist, um das U.S. Gesundheitssystem ein Stück fairer zu gestalten.
2. Der Markt
Der ACA-Marktplatz ist ein zunehmend wichtigeres Puzzleteil der amerikanischen Versicherungslandschaft. Nach der Einführung pendelten sich die Mitgliederzahlen bei rund 12 Millionen Einschreibungen ein, bevor die Steuersubventionen 2021 die Popularität beflügelten.
Genau diese Steuersubventionen sind 2026 ausgelaufen, was zu einem Rückgang von 5% geführt hat. Trotzdem stecken noch immer 19,6 Millionen Menschen in bestehenden Verträgen, die sich automatisch verlängert haben. Zudem sind 3,4 Millionen neue Kunden in den ACA-Markt hinzugekommen. Auch wenn Rückenwinde wegfallen, wird der Markt insgesamt in den kommenden Jahren weiter wachsen.
Der Wegfall der Steuersubventionen dürfte die Versicherungsprämien im Schnitt um 114% steigen lassen, allerdings von einem niedrigen Niveau ausgehend. Ob die Subventionen noch einmal verlängert werden, ist offen, in einer abgespeckten Variante ist das jedoch wahrscheinlich. Ohne diese Unterstützung wird eine Versicherung für bis zu 5 Millionen Amerikaner wieder zu teuer.
Mittlerweile veröffentlicht Oscar alle Prognosen ohne Subventionen. Selbst im Worst-Case gibt es keinen Grund zur Sorge, denn viele Konkurrenten sind inzwischen wieder aus dem Markt ausgestiegen. So hat sich zum Beispiel CVS mit seiner Tochtergesellschaft Aetna zurückgezogen, wodurch 1 Million Kunden einen neuen Anbieter suchen müssen.
Das dürfte Oscar zusätzliche Marktanteile verschaffen. Aktuell versichert das Unternehmen knapp über 2 Millionen Menschen, das entspricht 8,7% Marktanteil. In 2026 wachsen sie trotz Preiserhöhung vermutlich auf über 15% Marktanteil, die neuen Zahlen, die gerade veröffentlicht wurden, schauen wir uns später an!
Selbst wenn sie nur in diesem ACA-Markt bleiben, sind die Wachstumsaussichten groß. Sie gehen davon aus, sich bis zu 50% Marktanteil sichern zu können, und erwarten selbst ohne politische Unterstützung weiterhin deutlich über >20 Millionen Kunden in diesem Markt. In der folgenden Grafik taucht in Schwarz allerdings eine neue Kategorie auf, die sich „ICHRA“ nennt und eine bedeutende Erweiterung darstellt.
Worum geht es?
Die Ambitionen von Oscar, die Versicherungslandschaft nachhaltig zu verändern, enden nicht bei einer dominierenden Marktstellung im Obama-Care-Markt. Sie wollen mehr. Das Prinzip, die eigenen Versicherungsleistungen selbst zusammenstellen zu können, soll jedem Menschen zur Verfügung stehen und künftig mit den Versicherungspaketen der Arbeitgeber konkurrieren.
Vorhang auf für ICHRA.
Das steht für Individual Coverage Health Reimbursement Arrangement. Klingt sperrig, ist im Kern aber simpel: Anstatt dass ein Arbeitgeber für alle Mitarbeiter einen Gruppenvertrag bei einem großen Versicherer abschließt, stellt er jeder Person ein fixes Budget zur Verfügung. Für Arbeitnehmer ist das einkommensteuerfrei, und sie können sich einen passenden, ACA-konformen Versicherungsplan aussuchen.
Das gibt es seit 2020 und hat das Potenzial, zu einer deutlich größeren Kategorie zu werden. Doch so sinnvoll das klingt, muss man konservativ bleiben. Veränderungen in der Versicherungslandschaft brauchen Zeit. Aktuell sind zwischen 400.000 und 800.000 Menschen dank ICHRA mit einem ACA-Plan ausgestattet (nur diese sind über ICHRA erlaubt). Schätzungsweise entspricht das etwa dem Dreifachen des Vorjahres, und auch 2026 soll sich der Markt noch einmal auf 1 bis 2 Millionen Kunden verdreifachen.
Immer mehr Unternehmen bieten diese Option an, doch es wird Zeit und weitere regulatorische Veränderungen brauchen, bis das eine breite Alternative zum aktuellen Modell darstellt. Bis dahin ist der bestehende ACA-Markt, in dem sie aktiv sind, für die kommenden 5 bis 6 Jahre erst einmal groß genug.
3. Wie verdient das Unternehmen Geld?
Natürlich ist den meisten Menschen das Geschäftsmodell von Versicherungen grundsätzlich vertraut. Wie Versicherer am Ende dafür sorgen, mit mehr Geld dazustehen, als sie an ihre Kunden auszahlen, unterscheidet sich jedoch, besonders bei den neuen Geschäftsmodellen in der Branche. Darum schauen wir zuerst darauf, wie die Platzhirsche seit Jahrzehnten operieren.
Ob wir über Auto, Kranken oder Lebensversicherung sprechen, das Prinzip bleibt dasselbe: Prämien kassieren, Risiken kalkulieren und darauf setzen, dass die Schadensfälle niedriger ausfallen als erwartet. Traditionelle Versicherungen haben über Jahrzehnte ausgefeilte Systeme entwickelt, um ihre Verlustquote (Medical Loss Ratio) zu optimieren und zugleich durch Investitionen der eingezahlten Prämien zusätzliche Renditen zu erzielen.
Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Float. Das ist das Geld, das Versicherungen zwischen Prämieneingang und Schadensauszahlung halten und investieren können. Dabei sind sie selbstverständlich in der Risikoklasse begrenzt, in der sie investieren dürfen, damit sie nicht irgendwann mit leeren Taschen dastehen, wenn Kunden ihr Geld zurückfordern. Bei traditionellen Versicherungen macht dieser Investmentgewinn oft den Unterschied zwischen schwarzen und roten Zahlen aus.
Abseits davon ist das oberste Ziel, die Kosten um jeden Preis zu minimieren.
⚠️ Oscar Health verfolgt einen etwas anderen Ansatz!
Bei Oscar können Kunden nicht nur in wenigen Minuten eine neue Krankenversicherung abschließen, sie erhalten im Gegenzug auch eine Reihe von Services, von denen man bei traditionellen Versicherungen nur träumen können:
Telemedizin rund um die Uhr: Binnen Minuten Zugang zu einem Arzt, ohne das Haus verlassen zu müssen. Über die Oscar-App können Mitglieder jederzeit virtuelle Konsultationen buchen.
KI-gestützte Schadensabwicklung: 98% aller Ansprüche werden automatisch bearbeitet, oft in Sekundenschnelle. Keine endlosen Formulare, keine wochenlangen Wartezeiten auf Rückerstattungen.
Persönliches Care-Team: Jedes Mitglied erhält Zugang zu einem dedizierten Team, das bei der Navigation durch das Gesundheitssystem hilft, von der Arztsuche bis zur Terminvereinbarung.
Wie kann es sein, dass sie als Newcomer besonders digital-affinen Kunden einen besseren Service bieten können? Das liegt an der grundlegenden Idee, durch mehr Kontakt mit den Kunden langfristig mehr Produkte zu verkaufen, und zugleich durch Prävention größere Rechnungen zu vermeiden. Es ist eine Straße, die in beide Richtungen führt, am Ende ist es ein Win-Win.
Sie nennen das Prinzip „Total Cost of Care.“
Anstatt also ihre Kunden zu ignorieren und Auszahlungen zu verweigern, treten sie proaktiv mit ihnen in Kontakt. Das kann sich zum Beispiel bei chronischen Krankheiten auszahlen. Wenn ein Mitglied mit Diabetes seine Medikamente nicht regelmäßig nachbestellt, ist das für Oscar ein Warnsignal. Die App erinnert nicht nur, sie fragt aktiv nach, ob es Probleme mit Rezepten, Lieferungen oder Nebenwirkungen gibt. Oft reicht ein kurzer Impuls, damit aus einem übersehenen Detail keine teure Notaufnahme wird. In anderen Fällen können regelmäßige Kontrollen beim Arzt, auch wenn dadurch Kosten entstehen, größere Operationen verhindern. Genau hier wird der digitale Ansatz zu einem finanziellen Vorteil. Jede vermiedene Eskalation senkt die Schadenskosten, und jede zufriedene Person bleibt länger. In einer Branche, in der die Kundenbeziehung sonst aus Kündigungsschreiben und Warteschleifen besteht, ist das fast schon ein Wettbewerbsvorteil, den man in Zahlen sehen kann.
Das Medical Loss Ratio zeigt, wie viel von jedem eingenommenen Prämien-Dollar direkt in medizinische Leistungen für Mitglieder fließt. Ein MLR von 80% bedeutet: 80 Cent gehen an Behandlungen, Medikamente und Arzthonorare, 20 Cent bleiben für Verwaltung, Vertrieb und im Idealfall Gewinn. Für Investoren ist das die zentrale Kennzahl, weil sie sofort sichtbar macht, ob eine Versicherung sein Risiko im Griff hat oder ob die Kosten aus dem Ruder laufen.
Gesetzlich ist geregelt, dass Versicherungen im Individual- und Small-Group-Geschäft, also genau dem Markt, in dem Oscar Health unterwegs ist, mindestens ein Medical Loss Ratio von 80% einhalten müssen. Für große, arbeitgeberfinanzierte Gruppenverträge (Large Group) liegt diese Untergrenze sogar bei 85%.
Damit soll sichergestellt werden, dass der Großteil der Prämien tatsächlich in medizinische Leistungen und Qualitätsverbesserungen fließt, und nur ein begrenzter Anteil für Verwaltung, Vertrieb und Gewinn übrig bleibt. Das muss so sein, damit Kunden nicht ausgebeutet werden können. Oft ist die gesamte Versicherungsindustrie betroffen, wenn die Gesundheitskosten breit ansteigen und die Margen bei vielen Versicherungen schrumpfen.
Obwohl Oscar als relativ junger Versicherer noch längst nicht so vertikal integriert ist wie ein UnitedHealth oder Cigna, schaffen sie es trotzdem, ihr Medical Loss Ratio verhältnismäßig niedrig zu halten. Das vergangene Jahr war für die gesamte Industrie schwierig. Die Krankheitslast im Markt war hoch, und Kosten konnten noch nicht weitergegeben werden.
Das ändert sich 2026.
Oscar geht selbst davon aus, dass die Tarife 2026 im Durchschnitt rund 28 % über dem Vorjahr liegen. Damit sollen Kosten aufgeholt werden, die 2025 noch nicht vollständig weitergegeben wurden, etwa durch eine höhere Krankheitslast und ein ungünstiges Risk Adjustment, was ich später erkläre. In der Folge soll sich die Marge wieder normalisieren. Entscheidend ist, zwei Effekte sauber zu trennen, die in der Debatte oft vermischt werden.
Die vielzitierte Zahl von rund 114 % beschreibt, wie stark für viele Haushalte die tatsächlich aus eigener Tasche zu zahlende Prämie steigt, wenn die zusätzlichen staatlichen Zuschüsse für ACA-Pläne auslaufen. Vereinfacht gesagt: Der Staat zahlt weniger, also steigt der Eigenanteil der Versicherten deutlich, selbst wenn sich der zugrunde liegende Tarif des Versicherers gar nicht oder nur moderat verändert.
Die rund 28 % hingegen beziehen sich auf Oscars eigene Kalkulation der Brutto Prämien. Das ist der durchschnittliche Aufschlag, den Oscar auf die Produkte ansetzt, um das neue Kostenumfeld abzubilden, also eine höhere Krankheitslast im Markt, mehr Nutzung und eine deutlich größere Belastung durch Risk-Adjustment Zahlungen. Für Kunden wirkt das wie ein doppelter Preisschock, weil gleichzeitig die staatliche Förderung sinkt und die Produktpreise steigen. Aus Sicht von Oscar sind diese 28 % jedoch nicht zusätzlich zu den 114 % zu verstehen, sondern als unternehmerische Reaktion auf ein Jahr, in dem die Kosten davongelaufen sind und erst mit Verzögerung im Pricing ankommen.
Das Medical Loss Ratio soll durch diese Veränderungen im kommenden Jahr wieder auf rund 83% zurückgehen, was ihnen den Weg zurück zur echten Profitabilität ebnen dürfte. Grundsätzlich blickt man den Preiserhöhungen in der gesamten Industrie positiv entgegen. Alle Versicherungen reagieren auf die gestiegenen Kosten und werden teurer. Das dürfte die Kundennachfrage kaum verändern, außer dass das Interesse an günstigeren Plänen mit geringerer Abdeckung steigen könnte und mehr Menschen unversichert bleiben. Die Nachfrage im Gesamtmarkt ist tendenziell eher unelastisch, weil man kaum darauf verzichten kann.
4. Auf einem profitablen Weg?
Das Wichtigste beim Blick auf die Zahlen ist, sie in den richtigen Kontext zu setzen. Nur so lässt sich einschätzen, ob ein Wachstumsunternehmen weiter wächst und ob die Margenexpansion anhält.
Im März 2023 hat man entschieden, Gründer Mario Schlosser, der inzwischen die Hauptverantwortung als Geschäftsführer übernommen hatte, wieder zurückzustufen. Seither konzentriert er sich ausschließlich auf die technischen Aspekte des Produkts, während Star-CEO Mark Bertolini das Ruder als Geschäftsführer übernommen hat.
Bertolini hat in seiner Karriere immer wieder Problemfälle gelöst. Er gilt als hochintelligent, hat ein fotografisches Gedächtnis und bringt mehr als 40 Jahre Erfahrung in Spitzenpositionen unterschiedlichster Versicherungskonzerne mit. Seine Stationen waren durchweg von Erfolg gekrönt.
Zuletzt hat er Aetna auf links gedreht. Er übernahm den US Versicherungsgiganten, als er täglich mehr als 1 Million USD Verlust machte, und verkaufte ihn acht Jahre später 2018 für mehr als das Sechsfache an CVS, mit einem IRR von 27%.
Geld braucht er gewiss nicht mehr.
Er hatte sich sein ganzes Leben lang eine Sache vorgenommen, und wie ihm selbst bewusst wurde, hat er sie nie wirklich umsetzen können: den Versicherungssektor strukturell zu verbessern. Schon vor Jahrzehnten zeigte er auf Konferenzen, wie Versicherungen der Zukunft aussehen könnten, doch erschreckenderweise hat sich bis heute kaum etwas verändert. Genau deshalb reizte ihn Oscar, als sich die Chance ergab, nicht nur darüber zu sprechen, sondern es auch in der Praxis zu beweisen.
Das ist seine Motivation für einen letzten Versuch: Oscar Health.
Die Situation, in der er das Unternehmen 2023 vorfand, war alles andere als gut. Zwar hatte man den Umsatz im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln können, doch in einer Industrie mit Margen auf Messerschneide ist Umsatz zweitrangig.
An dem Nettoverlust von $610 Mio. USD im Jahr 2022 musste sich schleunigst etwas ändern. Nach seinem Amtsantritt wurde er gefragt, ob es „low hanging fruit“ geben würde, also schnelle Hebel, die sofort Wirkung zeigen können.
Seine Antwort:
“There aren’t just low-hanging fruit; there are watermelons rolling around on the floor.”
Mit den Wassermelonen meinte Bertolini keine kleinen Quick-Wins, sondern offensichtliche, große Hebel, die im Unternehmen buchstäblich „rumlagen“ und sofort angegangen werden konnten:
Lieferantenverträge: Neuverhandlung von PBM Verträgen und Provider Deals, die seit Jahren nicht angefasst worden waren.
Medical Loss Ratio Disziplin: Einführung solider Versicherungsroutine, also konsequentes Kosten und Risiko Management, das die Start Up geprägte Führung zuvor vernachlässigt hatte.
Verwaltungskosten: Senkung der operativen Kosten, also weg von der typischen Start Up Burn-Rate, hin zu einer schlanken Kostenstruktur wie bei einem etablierten Versicherer.
Nur zwei Jahre später waren die Rekordverluste kaum noch zu spüren, im Gegenteil, man konnte erstmals in der Unternehmensgeschichte zum Jahresende 2024 einen Nettogewinn verbuchen.
Doch 2025 musste man jetzt wieder einen Verlust von $443 Mio. USD hinnehmen. Handelt es sich dabei wirklich um eine nachhaltige Verbesserung, oder war der Gewinn 2024 nur ein Ausreißer, der von Einmaleffekten und Bilanzkosmetik lebte? Genau hier lohnt sich der Blick unter die Oberfläche, was sich in den letzten Jahren tatsächlich verändert hat.
Aus meiner Sicht gibt es gute Gründe für die Annahme, dass die vom Management formulierten Erwartungen für 2026 und die Jahre danach realistisch sind. Bevor wir uns anhand dieser Zahlen an die Bewertung machen, wollen wir uns jedoch zuerst ein eigenes Bild verschaffen, was sich in Sachen Profitabilität getan hat.
Der direkteste Hebel, den ein Unternehmen wie Oscar hat, sind die SG&A-Kosten, also die Ausgaben für Vertrieb, Verwaltung und alles, was nicht direkt medizinische Leistungen für Mitglieder ist.
Genau hier hat Bertolini angesetzt.
Von überhöhten 31,7% im Jahr 2022 konnte die Quote deutlich auf nur noch 17,5% in den letzten 12 Monaten gesenkt werden. Das ist kein einmaliger, geschönter Effekt, sondern klare Kostendisziplin.
Damit stellt sich die Frage, warum das bisher nicht zu deutlich höheren Gewinnen führt?
Angesprochen habe ich bereits das Medical Loss Ratio, das 2025 bei 87,4% lag. Das bedeutet: Von jedem Dollar Prämie blieben nach Abzug der Arzt und Krankenhauskosten gerade einmal 12,6 Cent für alles andere übrig. Das war ein Problem in der gesamten Industrie und lässt schlicht keinen Spielraum mehr für die übrigen Kosten.
Hinzu kommt: Viele übersehen den Risk-Adjustment-Pool im ACA-Markt. Das System ist grundsätzlich fair. Versicherungen mit kränkeren Mitgliedern erhalten Ausgleichszahlungen aus einem Pool, in den Versicherer mit gesünderen Mitgliedern einzahlen. So soll verhindert werden, dass sich Anbieter nur die gesündesten Kunden herauspicken, und Versicherungen bleiben auch in einem Jahr stets zahlungsfähig, in dem sie besonders viel Pech mit ihren Mitgliedern hatten.
Da Oscar mit moderner App und digitalem Image historisch eher eine junge, gesündere Zielgruppe anspricht, ist das Unternehmen in diesem System ein großer Nettozahler. Allein im letzten Jahr musste Oscar rund 2,6 Milliarde USD in den Pool einzahlen. Diese Summe fehlt direkt im Ergebnis und hat das Medical Loss Ratio zusätzlich nach oben getrieben.
Insgesamt muss man trotzdem sagen, dass Oscar über die letzten Jahre deutliche Fortschritte gemacht hat, die nur kurzzeitig ausgebremst wurden. Die Grafik zeigt jeweils die Marge der letzten 12 Monate zum entsprechenden Zeitpunkt, und macht sichtbar, wie stark Oscar an Profitabilität gewonnen hat.
Das Ziel für die operative Marge liegt 2026 zunächst bei 1,3% bis 2,4%. Das entspräche einem Gewinn von 250 bis 450 Mio. USD. Ob das Unternehmen 2027 tatsächlich in Richtung der anvisierten 5% kommt, bleibt abzuwarten, für ein erfolgreiches Investment ist das nicht zwingend nötig. Bei der stetig wachsenden Umsatzbasis haben selbst kleine Margenverbesserungen bereits große Auswirkungen auf die Bewertung.
5. Ausblick und Bewertung
Die Strategie für 2026 ist klar. Bis zum letzten Jahr waren sie auf einem guten Weg, im ACA-Markt zur profitablen Versicherung zu werden. Dann folgte, wie in der gesamten Branche, ein kleiner Rückschlag. Jetzt muss es wieder weitergehen wie zuvor.
Dafür drehen sie an ein paar Stellschrauben:
Aggressives Pricing: Oscar hebt die Brutto-Prämien im Schnitt um 28% an. Ziel ist es, die Schieflage aus 2025 (zu hohe Kosten, zu niedrige Preise) zu korrigieren.
Normalisierung der Marge: Durch diese Tariferhöhungen soll das MLR 2026 wieder in einen gesunden Bereich zwischen 82,4% und 83,4% sinken.
Operative Hebel: Gleichzeitig soll die SG&A-Quote weiter gedrückt werden. Erwartet werden rund 16%, gegenüber 17,5% im abgelaufenen Jahr.
Der Weg zurück zur positiven Entwicklung ist essenziell, denn sie wollen und werden weiter wachsen. Als junge Versicherung ist das enorm kapitalintensiv. Rückstellungen für neue Mitglieder müssen sofort gebildet werden, und neue Kunden sind anfangs oft unprofitabler als Bestandskunden. Dadurch wirkt die Liquidität auf den ersten Blick knapp.
Ich habe euch die kurzfristigen Vermögenswerte und Verbindlichkeiten nebeneinander aufgelistet. Das Current Ratio liegt knapp unter 1, was bei vielen Unternehmen auf mögliche Zahlungsschwierigkeiten hindeuten würde. Während andere Versicherungen hier zumindest ein schmales Polster haben, lässt sich die Situation von Oscar dennoch erklären, denn sie haben noch etwas in der Hinterhand.
Damit die staatlichen Regulatoren trotzdem ruhig schlafen können, hat Oscar noch ein Sicherheitsnetz, das in der Tabelle oben gar nicht auftaucht: langfristige Investments von rund 1,5 Mrd. USD. Normalerweise zählt man diese nicht zur kurzfristigen Liquidität, weil sie nicht sofort in Cash umgewandelt werden können. Es handelt sich dabei größtenteils um langfristige Staatsanleihen und Zinsprodukte mit ähnlichem Charakter. Dem stehen nur $500 Mio. an langfristigen Schulden gegenüber. Rechnet man das mit ein, wirkt das Fundament deutlich stabiler, als es ein schneller Blick auf das Current Ratio vermuten lässt.
Um die Zahlen für euch einzuordnen: Die 1 Milliarde USD, die sie in Versicherungstöchtern halten, ist größtenteils aufsichtsrechtliches Kapital (statutory capital). Das ist gewissermaßen der eiserne Notgroschen, den die US-Behörden als Sicherheit für die Versicherten verlangen. Entscheidend für uns Anleger: 315 Millionen USD davon sind ein freiwilliger Puffer, der über das absolute gesetzliche Minimum hinausgeht. Oscar steht also nicht mit dem Rücken zur Wand, sondern hat noch ordentlich Luft zum Atmen.
Und falls es im Sommer durch die Risk-Adjustment Zahlung in Höhe von $2,6 Mrd. USD doch mal kurzzeitig eng werden sollte, hat Bertolini bereits vorgesorgt: Eine neue Kreditlinie über 475 Millionen USD stellt sicher, dass Oscar niemals die Puste ausgeht, während sie gleichzeitig das massive Wachstum auf bis zu 19 Milliarden USD Umsatz in 2026 stemmen.
Oscar spielt auf Angriff, aber nicht ohne Absicherung. Wenn die Profitabilität 2026 wie geplant anspringt, wird aus der scheinbar knappen Liquidität schnell eine echte Cash-Maschine. Durch den Steuer-Gutschein von 3,3 Milliarden USD aus alten Verlusten fließt dieser Cashflow nahezu eins zu eins ins Eigenkapital.
Die Vorzeichen, diese Ziele zu erreichen, stehen gut. Die Einschreibungsphase für Neukunden ist abgeschlossen, und man startet mit 3,4 Millionen Versicherten ins Jahr. Für Q2 rechnet das Management mit 3 Millionen, weil viele passiv Eingeschriebene nicht kündigen, aber auch keine Rechnungen zahlen, und dann nach 90 Tagen automatisch herausfallen. Das ist trotzdem ein beachtliches Kundenwachstum von 47%, obwohl der gesamte ACA-Markt durch den Wegfall der Subventionen etwas schrumpfen wird.
Genau das ist für den Aktienkurs entscheidend:
Weitere Marktanteilsgewinne im ACA-Markt bis 2026
Erholung von MLR und operativer Marge in 2026
Andere Versicherungen wurden über die letzten Jahrzehnte meist zwischen 15-20x KGV gehandelt. Natürlich geht es dabei um die branchenführenden Riesen, die aufgrund ihrer Marktposition ein höheres Multiple verdienen als ein kleiner Challenger wie Oscar.
Gibt man Oscar ein 12x KGV auf den Mid-Point der 2026er Guidance, und unterstellt dabei einen Nettogewinn von $350 Mio. USD, landet man bereits bei $4,2 Mrd. implizierter Marktkapitalisierung, was über der aktuellen Bewertung liegt.
Schon kleinste Margenverbesserungen Richtung 5% in 2027, weiteres Wachstum oder ein höheres Bewertungs-Multiple könnten den Aktienkurs schnell auf 2x, 3x oder mehr treiben. Dabei sind mögliches Wachstum im ICHRA-Markt oder eine Verlängerung der Subventionen noch nicht einmal eingerechnet.
Die Erwartungen sind auf einem extrem niedrigen Niveau.
6. Fazit
Wie bei jedem Unternehmen gilt es auch bei Oscar, am Ende des Tages das Chancen-Risiko-Verhältnis abzuwägen. Es besteht eine kleine Chance, dass diese Gelegenheit komplett in die Hose geht. Politisch ist der ACA-Markt relativ gefestigt, aber wenn man selbst mit der Prämienerhöhung nicht profitabel wird, dürfte bei der Zahl neuer Mitglieder schon mittelfristig die Luft richtig dünn werden.
Davon gehe ich nicht aus. Der Plan ist stimmig, und die Verbesserungen lassen sich nicht nur am Nettogewinn ablesen, sondern zeigen sich über die letzten Jahre auch klar in den Skaleneffekten.
Prämienerhöhungen (+28%)
MLR-Kompression (Richtung 83%)
Operating Leverage (SG&A-Kosten nahe 16%)
Wenn diese drei Faktoren eintreten und kein Jahr folgt, in dem die gesamte Versicherungsindustrie erneut von erhöhten Kosten überrascht wird, liegt hier eine sehr starke Investmentgelegenheit vor, die nur darauf wartet, neu bepreist zu werden.
Vom nächsten Quartal hängt viel ab. Ich nehme hier ausnahmsweise lieber vorher die Ungewissheit auf mich, als nach einer möglichen positiven Überraschung einzusteigen. Sollten sie wirklich nur 400.000 der 3,4 Mio. Kunden verlieren, lägen sie mit 3 Mio. Kunden bei rund 15% Marktanteil. Mit angezogenen Preisen dürfte das schnell zu einem anderen Bild führen als 2025.
Eine richtig starke Gelegenheit, bei der wir natürlich auch mit dem KeineAnlageberatungs-Portfolio dabei sein werden. Neben IREN und Hims&Hers ist das die dritte Position, bei der ich kurzfristig viel Volatilität erwarte, aber eine überproportionale Upside sehe, wenn das Setup aufgeht.
Die nächsten Quartalszahlen kommen Anfang Mai. Bis dahin sollte noch genug Zeit sein, eine Position aufzubauen. Vorher gehe ich nicht davon aus, dass sich am Aktienkurs großartig etwas ändert.
Bis bald,
Bruno 🏴☠️






















